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Brief an PM-Magazin (1997)

Bernd Schiele

Astrologische Forschungen        Telefon 02102-5 12 96 + 0177-2346338

Käthe-Kollwitz-Straße 2

D-40882 Ratingen-Homberg

18.01.97

Betr. PM 1/97 – Astrologie-Special

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren!

Mit großem Vergnügen habe ich den mit viel Elan und hervorragender Sachkenntnis geschriebenen Artikel gelesen.

Selbstverständlich läßt sich selbst im Rahmen eines Sonderheftes nicht alles über die altbewährte, ewig junge Erfahrungswissenschaft Astrologie darstellen. Allein schon die Idee, den Aufsatz eines guten Astrologen wie Peter Ripota, der manches gute Buch geschrieben hat, und die Darstellung eines Skeptikers einander gegenüberzustellen, ist ausgesprochen unterhaltsam für den interessierten Leser. Herrn Ripotas Aufsätzen ist bei der im PM-Heft nötigen Knappheit der Darstellungsmöglichkeiten nichts hinzuzufügen. Herrn Wunders Kommentare geben einiges von der landläufigen Kritik wieder, mit der man Astrologenverbände von Zeit zu Zeit konfrontiert.

Dank auch an den/die Herausgeber für den Versuch, einen ausgewogenen Artikel zu veröffentlichen.

Die Frage „Ist die Astrologie eine Wissenschaft?“ ist als „Aufmacher“  in einem populär-wissenschaftlichen Magazin bestens angebracht. Ich würde Astrologie als ein hochinteressantes Forschungsthema bezeichnen. Die Forschungsergebnisse verdienen meiner Meinung nach durchaus Beachtung. Der letzte Lehrstuhl verschwand von der Universität ungefähr um die Jahrhundertwende, als die Labors entstanden. Sie hat dennoch als Basis der modernen Medizin und der modernen Psychologie die Akademie über den Anfang dieses Jahrhunderts hinaus begleitet. Man kann das durchaus erkennen, wenn man z. B. in der Düsseldorfer Universitäts-Bibliothek stöbert. – In Riga gibt es bereits einen Lehrstuhl, in Holland sind Bestrebungen im Gange. Ich könnte mir vorstellen, dass der nächste irgendwann in Zürich entsteht (eine Doktorarbeit über die Divination mit Tarot-Karten gibt es dort bereits).

Es gibt zwar bis heute in Deutschland keinen neuen Lehrstuhl für Astrologie – aus welchen Gründen auch immer – , nichtsdestoweniger liegt eine Doktor-Arbeit vor. Ein Sportmediziner einer Universität (Bielefeld?) hat als „Doktor-Vater“ die Genehmigung der Arbeit bei den Dekanen der anderen Universitäten durchgeboxt. Die Doktor-Arbeit von Dr. Niehenke (1984 oder 1986) konnte nach mehreren tausend Jahren Erfahrungswissenschaft nicht viel Neues bringen. Sie weist wohl einmal mehr nach, dass Statistiken für oder gegen die Astrologie ausgehen wie das Hornberger Schießen. Die Computer-Zeit-Kosten von mehreren Hunderttausend Mark  waren der Grund für eine längere Korrespondenz über das Für und Wider der Genehmigung. Die Korrespondenz dürfte in jeder Universitäts-Bücherei einzusehen sein. Daraus ist  u. a. zu entnehmen, dass längst nicht alle Dekane mit den Ergebnissen ihrer naturwissenschaftlichen Fakultät einverstanden sind und u. a. sich eine fakultäten-übergreifende Zusammenarbeit mit Erfahrungswissenschaftlern a) vorstellen können und b) wünschen.

Herr Ripota weist ja darauf hin, dass ein Problem der Astrologie als Schritt in Richtung akademische Wissenschaft darin besteht, eine Methode zu finden, mit der man Potentielles überprüfen kann. Die Psychologie kennt nicht messbare Innenwelten. Wir haben da eben   a l l e   nur zu staunen und zu beobachten. Keine Wissenschaft arbeitet mit nur einer Methode. Die Menschheit ist auf der Zwei aufgebaut, alle Sprachen der Welt bestehen aus der Aneinanderreihung von 25 Buchstaben. Geben wir also den Gedanken auf, mit nur   e i n e r   Methode auszukommen.

Gauquelin hat seine Statistiken im Auftrag einer Universität ermittelt, die die Astrologie in Mißkredit bringen wollte.

Die ersten Untersuchungsergebnisse passten den Auftraggebern gar nicht. Man überbot sich danach hier wie da in Zahlenermittlung und Gegendarstellung. Die beratende bzw. forschende Astrologie hat auf diese Weise eine große Menge Statistik-Material zur Verfügung, die auf die eine oder andere Weise in die heutige Deutung mit einfließt.  Die Psychologie verwendet auch Statistiken zur Rechtfertigung ihrer Annahmen. Jede Statistik, jeder „Forschungs-Stoff“ sieht von jedem Standpunkt aus anders aus. „Frau Holle“ ist als Märchen für die einen ein Lesestoff für Kinder, für die anderen (Drewermann) eine Darstellung des Sonne-Mond-Prinzips, eines Denkmodells, das sich durch alle Kulturen zieht.

Der astrologische Tierkreis ist ein Denkmodell, eine Lehre vom Idealbild, eine Kraftfeld-Theorie, von daher dem Schach-Motiv nicht unähnlich. Er erleichtert dem beratenden Astrologen ebenso wie dem ganzheitlich denkenden Mediziner, Psychologen oder Homöopathen das meditative Nachdenken über einen Menschen bzw. die Qualität der Zeit, unter der ein Ereignis stattfindet oder die Geburt eines Menschen passiert. Für den Biochemiker, den ich in einer Arbeitsgruppe an der Düsseldorfer Uni traf, ist das Horoskop eines Menschen zu sehen wie die Darstellung einer Säure, links- oder rechtsgedreht.  Ein Psychologe aus derselben Gruppe machte sich Gedanken über Psycho-Rhythmen im Menschenleben und entdeckte die gleichen Rhythmen, wie der Astrologe sie auch studiert, wenn der Neptun-Spiegelpunkt beim Klienten wirkt. Mein Freund produziert ein Astrologie-Programm für Computer. Die Benutzerliste wird Skeptiker erstaunen, denn ein hoher Anteil der Benutzer sind Ärzte,  Therapeuten, Homöopathen und Apotheker.

Der Astrologe setzt sich auf verschiedene Weise mit der Natur der Welt und der Natur des Menschen auseinander, wie der gut fundierte Aufsatz von Herrn Peter Ripota zeigt. Wenn der Laie vom „Wirken der Sterne“ liest und hört, müssen zunächst verschiedene Dinge erklärt und Unklarheiten beseitigt werden. Die Erklärungen berühren Dinge wie Keplers Lehre von der Weltharmonie oder die heutige Quantenphysik und die Chaosforschung. Die Astrologie lehrt, dass Dinge, die wir sehen, in Zusammenhang stehen mit Dingen, die wir nicht sehen. Astrologen sprechen untereinander vom „Wirken der Planeten“, weil sie nicht immer den ellenlangen Satz wiederholen wollen: „Es hat sich in den letzten Jahrtausenden/Jahrhunderten gezeigt, dass, wenn die Planetenformation …X…Y… im (hochgerechneten oder im Geburts-) Horokop eines Menschen erscheint,  der Mensch zur Handlungsweise …A…B…. tendiert und u. U. deshalb die Vorkommnisse … C … D … auf sich zieht“ .

Eben über diese Planetenformationen werden Erfahrungen gesammelt und beim Deutungsgespräch und in der Analyse-Ausarbeitung verarbeitet. Müßig eigentlich, sich über Landscheidt-Themen und Seymour-Forschungen zu zanken. Vielleicht fällt uns (und auch den Skeptikern) das Erkennen, ob die Planeten auf die Sonne oder auf die Erde „wirken“ nur deshalb nicht leicht, weil es (Pardon!) dem Menschen schon immer schwerfiel, Dinge zu erkennen, die er klar vor Augen hat … Wir sind ein Teil des Kosmos, des Universums, so lehren uns manche abendländischen und asiatischen Weltbilder. Von Bohm und anderen hören wir es heute wieder.

Wie schreibt  Peter Ripota so schön auf Seite 66: Möglicherweise ist die Sache doch anders, vermutlich um einiges komplizierter. In der Philosophischen Fakultät der Düsseldorfer Universität hing Ende der 80er Jahre ein Schild; ich gebe den Text sinngemäß wieder:  Das Geheimnis des Universums ist unfaßbar. Wird es erfaßt, so wird es automatisch durch etwas neues Unfaßbares ersetzt.

Mein Fazit: Die Ratio allein hilft nicht immer. Wissenschaftler jeder Couleur sollten Wissen schaffen, nicht verhindern. Mir erscheint das Verhalten von Wissenschaftlern, die Erkenntnisse der astrologischen Forschung einfach abtun, genauso fragwürdig wie das Verhalten von Astrologen, die im Gespräch von Mensch zu Mensch Einfühlungsvermögen und Philosophie (Astrosophie) vergessen. Vor kurzem war noch in der „Rheinischen Post“ ein Aufsatz eines Psychologen zu lesen, der es unpassend fand, Psychologie und Philosophie zu trennen …

Eigentlich gibt es gar nicht viel, was Astrologen und Wissenschaftler trennt. „Insider“ wissen das. Wir brauchen Forschung in jeder Weise. Jeder Astronom freut sich, wenn er im Rahmen einer TV-Talkshow – mit einem Astrologen scheinbar kontrovers diskutierend – auf seine Berufsgruppe oder seine Sternwarte aufmerksam machen kann. Das Licht der Sterne, das wir sehen, ist 3000 Jahre alt, wenn wir es sehen. Dennoch: Kein Astronom, demzufolge auch kein Astrologe, kann genau berechnen, wo Pluto steht …  Und: Wissen wir wirklich, was wir sehen? Trotzdem ist nebenbei erwähnt für mich hochinteressant, dass es Hobby-Astronomen waren, die den Jupiter-Beschuß eher kommen sahen als die Wissenschaftler hinter ihren Riesen-Teleskopen. Für die Harmonie unserer Welt hätte eine gravierende Beschädigung des Jupiter fatale Folgen gehabt. Das Universum und seine Gezeiten haben wir noch lange nicht im Griff.

Wenn man sich nicht auf eine Formel wie z. B „Zwei und zwei  =  Vier“  geeinigt hätte, wäre Schulrechnen gar nicht möglich. Das gesellschaftliche, politische und finanzielle Leben zeigt aber häufig, dass Zwei und zwei  =  Fünf minus Eins ist; eine Formel zwar, mit der sicher kein Brückenbau-Ingenieur je eine Brücke bauen kann, aber eine Formel, nach der das Leben in der Politik, der Gesellschaft und im Finanzwesen häufig läuft.

Als Paracelsus sinngemäß sagte: „Ein guter Medicus muß ein guter Astrologus sein“  hat er sicher nicht gemeint, dass ein Arzt ein guter Strolch sein muß. Er meinte wohl vielmehr   d e n    Astrologus, der am mittelalterlichen Fürstenhof Forschungsarbeit im Turmzimmer verrichtet hat und gleichzeitig Astronom, vielleicht auch philosophisch-psychologischer Berater seiner manchmal seelisch recht einsamen Arbeitgeber war. Der verballhornte „Strolch“ entstand, wie man aus dem Lexikon erfährt, erst in der Zeit des 30jährigen Krieges als Bezeichnung für stromernde Gaukler etc.

In dem lebhaft-sprunghaft geschriebenen Aufsatz von Herrn Wunder steht nichts, was Astrologenverbände nicht schon lange ausdiskutiert hätten. Hier vermisse ich Quellenangaben über das Niehenke-Zitat und über die Ergebnisse von Untersuchungen, die für die Astrologie „vernichtend“ sein sollen. Theodor W. Adorno soll als belesener Mann autoritäre Trends und erhebliches antidemokratisches Potential und  Vorlauf für den Faschismus in der Astrologie gesehen haben? Wann und wo wurde das veröffentlicht? Solch ein studierter Mann soll nicht gewußt haben, dass Faschisten und Diktatoren Astrologen verfolgen liessen?  Desweiteren werden „Studien von Psychologen in großer Zahl“ erwähnt. Auch hier fehlen Quellenangaben. 80 % der Therapien scheitern, wie mir ein Psychologe in der Heine-Universität aus einer Fachzeitung vorlas. Was erwartet denn Herr Wunder von den Psychologen? Sollen Psychologen sich etwa brotlos machen und ihre Klientel zum Astrologen schicken? Gerade jetzt, in einer Zeit, da in Amerika ca. 11.000 Astrologen (Quelle: Meridian) praktizieren und die dortige Psychiater-Welle aus den 70er und 80er Jahren abebbt, weil Astrologie billiger und sanfter ist? Selbstverständlich hat Astrologie dort ihre Grenzen, wo der Astrologe, die Astrologin seine/ihre Grenzen hat. Herr Wunder will die Astrologen nach Hause schicken? Sollen wir Herrn Wunder´s Ideen folgen und demzufolge die Soziologen nach Hause schicken ob des Zustands unserer Gesellschaft? Sollen die medizinischen Labors und Fakultäten ihre Arbeit einstellen, weil gegen Aids und Krebs noch keine Medikamente gefunden sind? Sollen wir die Archäologen nach Hause schicken, weil sie an der anfechtbaren Carbon-Methode festhalten, wenn sie das Alter von Scherben etc. bestimmen wollen? Sollen wir den akademischen Archäologen böse sein, die jeden aus der Fakultät drängen, der die akademischen Datierungsmittel zu kritisieren wagt?

Manchmal richtet Herr Wunder seine Skepsis ja in dankenswerter Weise auch wieder gegen seine eigenen Ausführungen und lenkt ein. In Teilen des Aufsatzes scheint er sogar Humor zu zeigen. Der versöhnliche Schlußsatz  kompensiert einiges und lässt einen freundlich und warmherzig denkenden Menschen vermuten. Dennoch: Die Astrologen und Astrologinnen sind m. E. die besseren Skeptiker. Astrologie ist ständiges Forschen und (Sich-Selbst-) Infragestellen seit Jahrtausenden. Die Forschungsergebnisse sind enorm; sie mögen umstritten sein. Von der Skeptiker-Organisation „GWUP“ las ich in PM das erste Mal. Pardon!

Im Berliner Melanchthon-Haus findet im letzten Quartal 97 eine Ausstellung statt mit dem Titel „Melanchthon, Luther und die Astrologie“. Wir werden dort vielleicht Gelegenheit haben, den Tierkreis mit humanistischen, abendländischen Denkbildern im Zusammenhang zu sehen.

Darf ich ein „Bild“ verwenden? Wenn ein großer Wirtschaftskapitän oder ein großer Politiker oder eine sonstige Person des öffentlichen Lebens auf der Höhe der Laufbahn bekennt, dass er/sie in der Jugend durch ein Buch von Albert Camus oder Marcel Proust geformt worden ist und er/sie nach dem Lesen des Buches dumme Angewohnheiten abgelegt hat und sein/ihr Leben in eine gute Bahn gebracht hat, ist doch sicher völlig unerheblich, ob das Buch ein Taschenbuch aus dem Antiquariat oder ein Leinenband aus der Top-Buchhandlung des Heimatortes war. Entscheidend war doch, dass er den richtigen Lesestoff zur richtigen Zeit bekam.

Anders ausgedrückt bzw. auf Astrologie bezogen: Solange es Menschen gibt, die weitererzählen, dass sie eine astrologische Beratung  als wohltuend, ja, lebensweisend empfunden haben, solange ist mir um die Astrologie nicht bange.

Der Astrologe, die Astrologin von heute führt als eine Art Coach mit dem durch Medien, Fremdbilder und Arbeitsstress belasteten Menschen ein Gespräch, zudem dieser anderweitig  kaum Zugang findet.

Mit besten Grüßen

Bernd Schiele

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